Vorwort
Tobias Hoffmann
Museumsleiter Museum für
Konkrete Kunst Ingolstadt
(Vorwort Katalog 2004
Mitherausgeber Museum für
Konkrete Kunst Ingolstadt)
In Gestaltung und Kunst ist nichts beliebig.
Alles folgt Gesetzmäßigkeiten und Regeln.
Es ist ein Charakteristikum der Konkreten
Kunst, diese Gesetzmäßigkeiten und Regeln
zu erforschen. Der Münchner Künstler
Thomas P. Kausel untersucht die Grund-
elemente der Farbe, die Pigmente. Er definiert
sie als Grundlage und auch als Ordnungs-
faktor für Malerei. Kausel verwendet ein in
der Industrie gebräuchliches, weltweit
verbindliches Farb-Ordnungssystem, den
sog. Colour-Index, der jedes Farbmittel
nach seiner chemischen Struktur be-
stimmt. Über die Definition der Pigmente
wird jede Farbsubstanz klar benennbar,
bekommt über den Colour-Index einen
Namen, der aus einem Zahlen- und
Buchstabencode besteht. Kausels
zumeist monochrome Werke entstehen
ausreinen, d.h. ungemischten, Pigmenten.
Oft wird auch der Name der Farbe, der
Pigment-Code aus dem Colour-Index,
aufgetragen. Jede Farbsubstanz ist somit
hinsichtlich ihrer spezifischen Eigen-
schaften über den Code verbindlich definiert
und als Farbe sinnlich erfahrbar.
Ausstellung Kausel zum 70. Geburtstag
Berlin, 18. November 2007
Meine Damen und Herren,
eines Tages in den 90er Jahren brach zur Überraschung vieler
ein neuer Mann in die Szene der Konkreten Kunst ein, die sich
gerade im Abschwung befand. Sein Auftreten schien zu sagen,
nein, er sagte es auch: „ich bin da. Ich kann euch sagen, wie das Ma-
len in der Konkreten Kunst sich erneuern kann“. Er frischte in
Theorie und Praxis das Malen auf. Nun, der Künstler ist Thomas P.
Kausel, ein Berliner, der in München lebt und von dort aus weltweit wirkt.
Wer genau hinhört auf den Pulsschlag der Konkreten Malerei
wird beistimmen: es gibt eine Malerei vor und eine nach Kausel.
Dieser Künstler hat mehr für das Gewissen der Malerei getan
als vielleicht gemeinhin bekannt. Gemeinhin bekannt will sagen,
die Konkrete Kunst ist so ungefähr eine hundertjährige Erschei-
nung, doch ist es ihre Art, überlegt, ruhig, sinnvoll zu wirken, al-
so nicht emotional und schon gar nicht marktschreierisch und
szenewirksam. Es ist da nicht leicht, auf die Vorderseite zu
kommen und sich auch da zu halten. Kausel arbeitet so profes-
sionell, dass ihm bis anhin vor allem Künstlerkollegen, zahlrei-
che Galeristen und Ausstellungsmacher, aber auch Botschaften
und Universitäten Gehör schenkten und zu einer stattlichen
Reihe von Ausstellungen und Workshops in Europa und weit
außerhalb eingeladen haben.
Da sind Chile, Brasilien, Ungarn, England, Wa-
shington, Indien so gut wie Erfurt und Kirchzarten vertreten.
Man muss einfach hinsehen und hinhören, was Kausel zu bie-
ten hat. Wenn aber Kausels Ausstellungen zu den starken Auf-
tritten der Kunst gehören, ist das nicht provokativ zu verstehen.
Es sind eigentlich stets Appelle aufgrund einer Fülle ungewöhn-
licher Informationen, die er ausgearbeitet hat und sehr kollegial
weitergibt.
Doch worum geht es nun genauer? Ein bekannter Künstler hat
einmal lapidar festgestellt, dass schon mehrfach versucht wur-
de, den Vorgang des Malens in Relation zur Qualität der er-
reichbaren Resultate zu erforschen. Kausels Antwort darauf
lautete sachlich schlicht: „aber bis heute fehlt eine systemati-
sche Übersicht der hierfür zu benutzenden Substanzen“. Er hat
diese Übersicht nachgeliefert und uns in den Colour Index, das
weltweit verbindliche Farb-Ordnungssystem, das alle kommer-
ziell wichtigen Pigmente klassifiziert, Einsicht nehmen lassen. In
einer programmatischen Erklärung forderte er, dass die Kon-
krete Malerei das Farbordnungssystem der 200 Pigmente hoh-
her Lichtechtheit beachte und es mit einbeziehe. Dies bedeutet
nicht das Ende der Malerei, sondern im Gegenteil deren
elementaren Neubeginn.
Die Konkrete Malerei gewinnt durch Kausels Vorbild – er malt
nur mit reinen Farben, allein mit den 149 unvermischten, licht-
echten Pigmenten – eine intensive Wahrnehmung. Er zeigt da-
durch auf, wie die Farben wirklich sind, zum Beispiel sehr gut
zu sehen in monochromen Flächen. Das Zwingende gegenüber
der traditionell geübten Konkreten Malerei besteht darin, dass
Kausel mit der Farbe einsetzt, bevor ein formales Programm,
ein geometrisches Konzept oder gar eine realistische Abbildung
und dergleichen vorhanden sind.
Das Fundament des Farbmalens liegt deshalb für Kausel tiefer
als üblicherweise. Es ist das wirklich Konkrete der Konkreten
Malerei. Bei einer anderen Gelegenheit drängt sich die Formu-
lierung auf: Von Grund auf Kunst. Auch ein Begriff wie Objekti-
ve Malerei ist nicht fehl am Platze. Kausels Beschäftigung mit
Farbe und Malerei ist begreiflicherweise ein einziges Suchen
und Experimentieren. Aber auch begrifflich versucht er, den Be-
stand eines Bildes, einer Malerei so sachlich und korrekt wie
möglich darzustellen. Es gibt kaum einen anderen lebenden
Maler, der ihn in dieser Beziehung übertrifft bzw. so genau wie
Kausel sagt, was Sache ist. Der einzige, mit dem er sich misst,
ist Josef Albers, der Bauhausmeister, der mit seinem Studien-
werk „Interaction of Color“ den Blick auf die Facts, auf das Fak-
tische des Malens, gelenkt hat, um damit auch für die Acts, die
Wirkungen der Farbe, die bestimmende Grundlage herauszuar-
beiten. Einem Kapitel dieses Werks, das Albers auf der fragen-
den Suche sieht nach dem „blauesten Blau“, hat Kausel schon
wiederholt auf seine Weise geantwortet. Wir haben ein neues
Bild Kausels vorliegen. Es heißt „Es gibt nur 15 Blau“ und ist mit
Öl auf Bütten auf Leinwand gemalt. Es ist die Darstellung der
15 Blau-Pigmente. Das Bild ist eingeteilt in 15 gleiche recht-
eckige Felder in 5 Reihen. Kausel beschreibt es exakt in der
korrekten Reihenfolge der chemischen Struktur beginnend
oben links mit den anorganischen zwei Ultramarin. In der
zweiten Reihe nennt er Zirkon-Cölinblau, Barium-Mangan
und Eisencyanblau. Für die Reihen drei und vier notiert er:
alles Kobalt, und für die letzte Reihe gilt: drei organische Blau.
Ein anderer Bildtypus, den er entwickelt hat, besteht aus
zwei Tafeln. Dann heißt es links: „Farb-Akkord“, rechts
„B 28 monochrom“. Die monochromen Bilder sind bestechend
schön, weil sie nur Farbe zeigen, Farbe jedoch nicht in der
gemalten und spekulierenden Art wie sonst monochrome
Bilder oft genialisch gemalt werden.
Überdies schreibt Kausel sogar, um welches Pigment es sich
handelt, also „Blue 28“. Er verwendet dazu die Schablonen-
schrift, die auch Transportkisten schmückt. Es ist Beschriftung,
nicht gemeint als Thematisierung von Text und Bild. Dabei leis-
tet er sich eventuell den Scherz, einen Buchstaben in verkehrter
Richtung zu schreiben. Das erhöht die Aufmerksamkeit auf die
Zahl, auf das Pigment, auf die ganze Malerei. Nehmen wir es
noch einmal so genau wie Kausel mit uns.
Zuweilen malt er auch Bilder, von denen er will, dass
das optische Erscheinungsbild wichtiger ist als die Chemie.
Es sind Farbcollagen, die ihm die Freiheit
lassen, bzw. er nimmt sie sich, die Farbauswahl freier zu gestal-
ten, wobei nicht alle diese Pigmente zur gleichen chemischen
„Klasse“ gehören. Aber gemach! Auch das ist nicht der Rückfall
ins Malen wie es üblicherweise geübt wird. Kausel kann sich
das aufgrund seines Wissens und seines Verantwortungsbe-
wusstseins erlauben.
Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, sind die Bilder, die
Farben, lebendiger, als sie das chemische Protokoll zu imaginie-
ren vermag. Ein Objekt an der Wand ist zwar nach Kausel vor-
erst mit Farbmaterie bedeckte Leinwand, aber es ist tatsächlich
weit mehr. Der Bauhausmeister Josef Albers hat auch recht,
wenn er die actual facts als das zu erzielende Resultat der fac-
tual facts sieht. Nichts würden wir heute spannender finden als
den Dialog von Kausel und Albers. Dabei ist deren Werdegang
ganz unterschiedlich. Albers entdeckte die Relativität der Farbe
durch viele Versuche in der Lehre, im Umgang mit den Erfah-
rungen seiner Studenten. Kausel, wie gesagt, 1937 in Berlin ge-
boren, war Filmkameramann, Fernsehkameramann und freier
Fotograf. Zu seiner Weiterbildung nahm er an zahlreichen Kur-
sen der Sommerakademie in Salzburg teil. Die Reihe der Leh-
renden ist sehr beachtlich, aber echt verblüffend dürfte die In-
formation sein: Meisterschüler bei Hermann Nitsch (Aktionsma-
lerei). Und doch lässt sich aus der Gegensatzpaarung Kame-
ramann und Aktionsmalerei, das bedeutet genaues Hinsehen,
genaues Studium des Materials, und seiner Leistung bei
gleichzeitiger Lust am Material, sehr wohl eine wirksame
Synthese erkennen.
Es ist eine Synthese, die uns die Farbe neu und in besonderer
Direktheit erfahren lässt, die wir letztlich als Antwort auf unser
Sinneserlebnis erwarten. Kaum einer malt heute mit Farben so
auf uns zugeschnitten, ohne wenn und aber, wie Kausel. So
wie er mit der Farbsubstanz in seine Papiere eindringt, arbeitet
er auch an uns: wissenschaftlich korrekt und psychisch ungeahnt ein-
dringlich.
Eugen Gomringer
18. November 2007