– Konkrete Kunst Prof. Eugen Gomringer: Ausstellung Kausel zum 70. Geburtstag, Berlin –

Meine Damen und Herren,

eines Tages in den 90er Jahren brach zur Überraschung vieler ein neuer Mann in die Szene der Konkreten Kunst ein, die sich gerade im Abschwung befand. Sein Auftreten schien zu sagen, nein, er sagte es auch: „ich bin da. Ich kann euch sagen, wie das Malen in der Konkreten Kunst sich erneuern kann“. Er frischte in Theorie und Praxis das Malen auf. Nun, der Künstler ist Thomas P. Kausel, ein Berliner, der in München lebt und von dort aus weltweit wirkt.

Wer genau hinhört auf den Pulsschlag der Konkreten Malerei wird beistimmen: es gibt eine Malerei vor und eine nach Kausel. Dieser Künstler hat mehr für das Gewissen der Malerei getan als vielleicht gemeinhin bekannt. Gemeinhin bekannt will sagen, die Konkrete Kunst ist so ungefähr eine hundertjährige Erscheinung, doch ist es ihre Art, überlegt, ruhig, sinnvoll zu wirken, also nicht emotional und schon gar nicht marktschreierisch und szenewirksam. Es ist da nicht leicht, auf die Vorderseite zu kommen und sich auch da zu halten. Kausel arbeitet so professionell, dass ihm bis anhin vor allem Künstlerkollegen, zahlreiche Galeristen und Ausstellungsmacher, aber auch Botschaften und Universitäten, Gehör schenkten und zu einer stattlichen Reihe von Ausstellungen und Workshops in Europa und weit außerhalb eingeladen haben. Da sind Chile, Brasilien, Ungarn, England, Washington, Indien so gut wie Erfurt und Kirchzarten vertreten. Man muss einfach hinsehen und hinhören, was Kausel zu bieten hat. Wenn aber Kausels Ausstellungen zu den starken Auftritten der Kunst gehören, ist das nicht provokativ zu verstehen. Es sind eigentlich stets Appelle aufgrund einer Fülle ungewöhnlicher Informationen, die er ausgearbeitet hat und sehr kollegial weitergibt.

Doch worum geht es nun genauer? Ein bekannter Künstler hat einmal lapidar festgestellt, dass schon mehrfach versucht wurde, den Vorgang des Malens in Relation zur Qualität der erreichbaren Resultate zu erforschen. Kausels Antwort darauf lautete sachlich schlicht: „aber bis heute fehlt eine systematische Übersicht der hierfür zu benutzenden Substanzen“. Er hat diese Übersicht nachgeliefert und uns in den Colour Index, das weltweit verbindliche Farb-Ordnungs-System, das alle kommerziell wichtigen Pigmente klassifiziert, Einsicht nehmen lassen. In einer programmatischen Erklärung forderte er, dass die Konkrete Malerei das Farbordnungssystem der 200 Pigmente hoher Lichtechtheit beachte und es mit einbeziehe. Dies bedeutet nicht das Ende der Malerei, sondern im Gegenteil deren elementaren Neubeginn.

Die Konkrete Malerei gewinnt durch Kausels Vorbild – er malt nur mit reinen Farben, allein mit den 149 unvermischten, lichtechtesten Pigmenten – eine intensive Wahrnehmung. Er zeigt dadurch auf, wie die Farben wirklich sind, zum Beispiel sehr gut zu sehen in monochromen Flächen. Das Zwingende gegenüber der traditionell geübten Konkreten Malerei besteht darin, dass Kausel mit der Farbe einsetzt, bevor ein formales Programm, ein geometrisches Konzept oder gar eine realistische Abbildung und dergleichen vorhanden sind. Das Fundament des Farbmalens liegt deshalb für Kausel tiefer als üblicherweise. Es ist das wirklich Konkrete der Konkreten Malerei. Bei einer anderen Gelegenheit drängt sich die Formulierung auf: Von Grund auf Kunst. Auch ein Begriff wie Objektive Malerei ist nicht fehl am Platze.

Kausels Beschäftigung mit Farbe und Malerei ist begreiflicherweise ein einziges Suchen und Experimentieren. Aber auch begrifflich versucht er, den Bestand eines Bildes, einer Malerei so sachlich und korrekt wie möglich darzustellen. Es gibt kaum einen anderen lebenden Maler, der ihn in dieser Beziehung übertrifft bzw. so genau wie Kausel sagt, was Sache ist. Der einzige, mit dem er sich misst, ist Josef Albers, der Bauhausmeister, der mit seinem Studienwerk „Interaction of Color“ den Blick auf die Facts, auf das Faktische des Malens, gelenkt hat, um damit auch für die Acts, die Wirkungen der Farbe, die bestimmende Grundlage herauszuarbeiten. Einem Kapitel dieses Werks, das Albers auf der fragenden Suche sieht nach dem „blauesten Blau“, hat Kausel schon wiederholt auf seine Weise geantwortet. Wir haben ein neues Bild Kausels vorliegen. Es heißt: „Es gibt nur 15 Blau“ und ist mit Öl auf Bütten auf Leinwand gemalt. Es ist die Kausel beschreibt es exakt in der korrekten Reihenfolge der chemischen Struktur beginnend oben links mit den anorganischen drei Ultramarin. In der zweiten Reihe nennt er Zirkon-Cölinblau, Barium-Mangan und Eisencyanblau. Für die Reihen drei und vier notiert er: alles Kobalt, und für die letzte Reihe gilt: drei organische Blau.

Ein anderer Bildtypus, den er entwickelt hat, besteht aus zwei Tafeln. Dann heißt es links: „Farb-Akkord“, rechts „B 28 monochrom“. Die monochromen Bilder sind bestechend schön, weil sie nur Farbe zeigen, Farbe jedoch nicht in der
gemalten und spekulierenden Art wie sonst monochrome Bilder oft genialisch gemalt werden. Überdies schreibt Kausel sogar, um welches Pigment es sich handelt, also „Blue 28“. Er verwendet dazu die Schablonenschrift, die auch Transportkisten schmückt. Es ist Beschriftung, nicht gemeint als Thematisierung von Text und Bild. Dabei leistet er sich eventuell den Scherz, einen Buchstaben in verkehrter Richtung zu schreiben. Das erhöht die Aufmerksamkeit auf die Zahl, auf das Pigment, auf die ganze Malerei.

Nehmen wir es noch einmal so genau wie Kausel mit uns. Zuweilen malt er auch Bilder, von denen er will, dass das optische Erscheinungsbild wichtiger ist als die Chemie. Es sind Farbcollagen, die ihm die Freiheit lassen, bzw. er nimmt sie sich, die Farbauswahl freier zu gestalten, wobei nicht alle diese Pigmente zur gleichen chemischen „Klasse“ gehören. Aber gemach! Auch das ist nicht der Rückfall ins Malen wie es üblicherweise geübt wird. Kausel kann sich das aufgrund seines Wissens und seines Verantwortungsbewusstseins erlauben.

Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, sind die Bilder, die Farben, lebendiger, als sie das chemische Protokoll zu imaginieren vermag. Ein Objekt an der Wand ist zwar nach Kausel vorerst mit Farbmaterie bedeckte Leinwand, aber es ist tatsächlich weit mehr. Der Bauhausmeister Josef Albers hat auch recht, wenn er die actual facts als das zu erzielende Resultat der factual facts sieht. Nichts würden wir heute spannender finden als den Dialog von Kausel und Albers.

Dabei ist deren Werdegang ganz unterschiedlich. Albers entdeckte die Relativität der Farbe durch viele Versuche in der Lehre, im Umgang mit den Erfahrungen seiner Studenten. Kausel, wie gesagt, 1937 in Berlin geboren, war Filmkamera­mann, Fernsehkameramann und freier Fotograf. Zu seiner Weiterbildung nahm er an zahlreichen Kursen der Sommerakademie in Salzburg teil. Die Reihe der Lehrenden ist sehr beachtlich, aber echt verblüffend dürfte die Information sein: Meisterschüler bei Hermann Nitsch (Aktionsmalerei). Und doch lässt sich aus der Gegensatzpaarung Kameramann und Aktionsmalerei, das bedeutet genaues Hinsehen, genaues Studium des Materials, und seiner Leistung bei gleich­zeitiger Lust am Material, sehr wohl eine wirksame Synthese erkennen. Es ist eine Synthese, die uns die Farbe neu und in besonderer Direktheit erfahren lässt, die wir letztlich als Antwort auf unser Sinneserlebnis erwarten.

Kaum einer malt heute mit Farben so auf uns zugeschnitten, ohne wenn und aber, wie Kausel. So wie er mit der Farbsubstanz in seine Papiere eindringt, arbeitet er auch an uns: wissenschaftlich korrekt und psychisch ungeahnt eindringlich.

Eugen Gomringer, 18. November 2007

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prof. eugen gomringer geb. 1925 in bolivien, in den 50er jahren mitarbeiter von max bill. leiter des schweizer werkbundes (1961–1967), seit 1971 mitglied der akademie der künste in berlin. leiter der kulturarbeit von rosenthal ag (1967–1985). em. professor für ästhetik an der staatlichen kunstakademie düsseldorf. intendant internationales forum für gestaltung ulm. seit 1991 honorarprofessor an der westsächsischen hochschule zwickau, abteilung schneeberg. konkrete poesie – kunsttheorie. eugen gomringer wird zu den bedeutendsten autoren der deutschen gegenwartsliteratur seit den 50er jahren gerechnet und gilt überdies als initiator und prominentester vertreter der konkreten poesie (internationales biografisches archiv). 2000 gründet er das institut für konkrete kunst und konkrete poesie (IKKP), Rehau. 2007 „premio punta tragara per la poesia concreta”.