– Konkrete Kunst Prof. Eugen Gomringer –

 

 

Zu den Arbeiten von Thomas P. Kausel

 

Konkrete Kunst – Elementare Kunst

von Eugen Gomringer, 27.05.2001

 

Die fortgesetzten theoretischen Untersuchungen der Farbordnungssysteme,

ausgehend von den knapp 200 weltweit bekannten Pigmenten hoher Licht-

echtheit, durch Thomas P. Kausel und deren Anwendung in der eigenen

Malerei werfen ein bestimmtes Licht auf Begriff und Praxis der Konkreten

Kunst. In seiner Grundsatzerklärung mit der der Josef-Albers-Didaktik ent-

lehnten Überschrift “Welches ist das blaueste Blau?” sieht sich Kausel zwar

im großen Rahmen der Konkreten Kunst, wobei er jedoch der historischen

Forderung “Die Befreiung vom Naturvorbild”. die “gleichzeitige Unterwer-

fung unter neue Gesetzmäßigkeiten, z.B. unter ein Farbordnungssystem”

folgen lässt. Damit ist der alte Rahmen sowohl akzeptiert wie auch auf eine

neue Gesetzmäßigkeit hin geöffnet. Mehr noch: Was sich zum Beispiel bei

Georg Schmidt 1944 in Basel noch als “gebunden an die Naturgesetze” liest,

erhält durch die Formulierung von Kausel eine pragmatische Thematik.

 

Es fragt sich in der Folge, ob der alte Begriff der Konkreten Kunst durch

Kausels Untersuchungen und nicht weniger Grenzüberschreitungen anders

operierender Künstlerinnen und Künstler überhaupt noch haltbar bzw. sinn-

voll ist. Es besteht die seltsame Situation, dass der Begriff “Konkrete Kunst”

-fast über Erwarten möchte man sagen – zu einem festen Begriff geworden

ist und oft unreflektiert weitherum Verwendung findet. Dabei ist daran zu

erinnern, dass die Befürworter der strengsten Auffassung, wie die

Künstler aus der Reihe der sogenannten “Zürcher Konkreten”, ihre Ausstellungen

anfänglich – 1944 und 1945 – unter dem Thema “abstrakt-konkret” durch-

führten und dass man, als man sich von der Abstraktion endgültig abge-

zweigt hatte, die Bezeichnung “konkret” ebenfalls schon bald obsolet wer-

den ließ. Die echten Konkreten waren die ersten, die den Begriff fallen lie-

ßen zugunsten genauerer Bezeichnungen. Schon 1957 hatte sich auch der

führende Theoretiker der jungen Malergeneration, Karl Gerstner, von ihm

verabschiedet bzw. brauchte ihn nur noch “behelfsmäßig” und quasi als

Hommage an Hans Arp.

 

Die heute wahrzunehmende nachträgliche Verfestigung des Begriffs

“Konkrete Kunst” könnte mit einem “also doch” abgeschlossen werden, um

das Theoriegebäude befriedigt sich selbst zu überlassen, wenn es nicht gera-

de dieser Bewegung eigen wäre, neue Gesetzmäßigkeiten als ihr Agens und

glaubwürdige Überzeugung höher einzuschätzen als alles Einhalten formaler

Regeln (was diese aber nicht ausschließt). Tatsächlich hat sich im Lauf der

Jahrzehnte vielerlei abgespielt, was sich kaum noch unter “Konkreter

Kunst subsumieren ließ, aber dennoch setzte sich der Begriff nun einmal

durch. Er war da und er ließ sich als Gegensatz zur Abstraktion auch dort

verkaufen, wo, wie gesagt, über diese Dinge nicht reflektiert wird.

 

Wenn jedoch ein Künstler wie Kausel mit der Malerei einsetzt, bevor die-

se ein formales Programm realisiert, also mit dem Stoff der Malerei selbst

zum Bild gelangt, muss das Fundament des Konkreten auf alle Fälle tiefer

gelegt werden. Darin wird übrigens eine Parallele ersichtlich zum Prozess

der Herstellung einer Installation, welchen der Schreibende einmal mit der

Metapher beschrieb: “Konkrete Kunst beginnt mit dem Gang zum Bau-

markt, wo die richtigen Schrauben eingekauft werden”. Auch in diesem Fall

werden die ersten Maßnahmen vor der eigentlichen Konstruktion als kon-

krete geistige wie stoffliche Leistung bewertet. Die Beispiele der Malerei

von Kausel wie dasjenige der Installation zeigen auf, dass dem Begriff des

Konkreten in der Konkreten Kunst nicht nur die frühen Zweifel der Fünfzi-

gerjahre des letzten Jahreshunderts anhängen, sondern dass auch, aktuell, das

Verständnis dafür, welche Rolle das Konkret ein der Konkreten Kunst

spielt, neue zu definieren ist.

 

Thomas P. Kausel fordert in seiner programmatischen Erklärung, dass sich

Konkrete Kunst in der Malerei zum Beispiel dem Farbordnungssystem der

200 Pigmente hoher Lichtechtheit – total sind es 600 Pigmente – unterwerfe.

Dieser positivistisch vorgetragene Ansatz steht in krassem Gegensatz zu

verschiedenen, meist diffusen Programmen einer Malerei des Malens, wel-

che schliesslich in irgendeiner Form der Reduktion und der Negation enden.

Kausels neue Bewegung bedeutet alles andere als das Ende der Malerei und

der Kunst: sie ist deren Wiederaufnahme. Denn “Der Vorgang des Malens

in Relation zur Qualität der erreichbaren Resultate wurde mehrfach zu erfor-

schen versucht (z.B. von Robert Ryman). Aber bis heute fehlt eine systema-

tische Übersicht der hierfür zu benutzenden Substanzen (wie z.B. Farbe).”.

(Kausel).

 

Und dass diese Bewegung auch einen langen Atem haben wird, ist voraus-

sehbar, hat doch Kausel allein an der Untersuchung der 14 blauen und der 8

violetten Farb-Pigmente mehrere Jahre gearbeitet, bevor er sie jetzt in seinen

Ausstellungen im In- und Ausland einem die Farbe wieder entdeckenden

Publikum präsentieren konnte.

 

Wie elementar, pionierhaft Kausel die Beschäftigung mit der Farbe ver-

steht, zeigt sein Vorgehen. Er zeigt auf, wie die Farben wirklich sind, zum

Beispiel als monochrome Fläche, aber gleichzeitig auch, wie sie sich verhal-

ten zu chemisch benachbarten Pigmenten. Damit leistet er Vorarbeit zum

Studium der durch Josef Albers in den Sechziger- und Siebzigerjahren wirk-

sam verbreiteten “Wechselwirkungen der Farbe”. Kausel präpariert sozuzsa-

gen die “factual facts” der Farbwahrnehmung. Das sich auch die

von Albers besonders herausgearbeiteten “actual facts” (die psychische

Wirkung) der Wechselwirkungen einstellen, trotz der überhaus sachlichen

Behandlung durch Kausel, besteht kein Zweifel. Sie funktionieren auf jeden

Fall organisch.

 

Zu den Untersuchungen des Künstlers zählen selbstverständlich auch die

denkbar verschiedensten Malgründe, deren Reaktionen – Interaktionen –

interessante Vergleiche ermöglichen und den Spielraum um einige Variab-

len erweitern. Als Demonstrationsobjekte dienen ihm zur Zeit die 14 Blau

auf Büttenpapieren. Kausel befindet sich in seiner produktiven Phase des

Experiments und der Erprobung. Den pragmatischen Charakter macht er

deutlich sichtbar durch die plakative Benennung der gezeigten Pigmente in

Form großer Chiffren der auch zur Kennzeichnung von Transportkisten

verwendeten Schablonenschrift. So prangt also beispielsweise ein großes “B

33” am Rande eines Farbfeldes als der internationale Name des Pigmentes

Barium-Mangan. In solchen Vorgängen erlaubt sich der Künstler auch

Scherze und kleine Versteckspiele, indem er ein Zeichen spiegelverkehrt

dreht, um die Lesegeschwindigkeit herabzusetzen, Hilfszeichen hinzusetzt,

um eine bestimmte Leserichtung – bei Verwendung mehrerer Farben- vor-

zuschlagen. Der Beobachter wird dadurch für ein spezielles Blau gewonnen.

 

Bei Farbfeldern ohne sichtbaren Aufdruck (der Name des Pigments steht

dann auf der Rückseite, ähnlich wie Albers die Farben aus der Tube be-

nennt, der ja für die lapidare Tatsache einer Malerei ohne Symbolik und

Metapher steht), ist die Zuordnung zur monochromen Malerei nicht auszu-

schließen. Der Unterschied besteht in der Intention und dem Konzept. Vor

der monochromen Malerei bekannter Art stehen immer noch die elementa-

ren Überlegungen von Kausel, sodass sich monochrome Malerei und Farb-

feldmalerei zu den Farbbildaussagen von Kausel abbildmässig verhalten.

Kausel liefert eben die Partitur mit.

 

Die angeführten Überlegungen mögen ein weitres Mal die Frage nach der

Substanz des Konkreten und seiner Rolle in der Konkreten Kunst aufwerfen.

In der Malerei fällt diese Rolle zweifellos den Pigmenten und ihrer Ordnung

zu. Die Tieferlegung des Fundaments ist der Schritt vom allgemeinen Konkre-

ten zur elementaren Substanz. Selbst wenn der Begriff des Konkreten wei-

terhin Verwendung findet – außerhalb eingebürgerter Institutionen und in –

ternationaler codes-, wird man ohne den Zusatzbegriff des Elementaren die

wirkliche Sache der Konkreten nicht mehr behandeln können.